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Visage – Test

Was ist gerade mit mir passiert? 13 Stunden Spielzeit intensiver Psycho-Horror mit wenigen Schwächephasen – auf so ein Horrorspiel habe ich schon lange gewartet.

Einleitung

Über einen Finanzierungszeitraum von 45 Tagen wurde das Spiel am 12. März 2016 mit etwa 3200 Backern zu 200% finanziert. Das offizielle Releasedatum für den PC war der 30. Oktober 2020.

Kurzer Abschnitt zur Entwicklung: SadSquare Studio wurde 2015 gegründet und hat sich als Ziel gesetzt, mit Visage eines der gruseligsten Psycho-Horrorspiele zu entwickeln. Nach der Absage von Silent Hills 2015 und dem Zurückziehen der P.T. Demo hat sich das Team von SadSquare darauf fokussiert das Projekt unter einem neuen Namen fortzuführen.

Außenareale in Visage.

Auf Ihrer Seite schreiben sie unter den FAQs zu der Frage, ob sie hauptsächlich durch den Horror von P.T. inspiriert worden sind:

“We won’t hide it, we were inspired by that great game. Furthermore, the decision to cancel Silent Hills pushed us to develop an awesome and terrifying game to quench the horror fan’s thirst. That said, we’re not trying to become merely some kind of P.T. successor. We’re driven by the lack of truly terrifying games on the market like Alien: Isolation, P.T., F.E.A.R., and Amnesia: The Dark Descent. We probably could count them on our two hands =(. We really hope some people will consider adding our game to that list.”

SadSquare Studio Website

Story

Visage spielt in einem riesigen Haus, in dem schreckliche Dinge passiert sind. Das Haus, in dem sich die Charaktere befinden steht seit Jahrhunderten und das Fundament scheint nie zu verfallen. Dutzende von Familien haben hier gelebt und viele von starben auf teils brutal, während andere ihr Leben friedlich in ihrem geliebten Zuhause verbrachten.

Das Wohnzimmer sieht irgendwie….anders aus.

Als Spieler erleben wir Fragmente der Geschichte des Hauses; jedes davon bringt uns näher an das heran, was hinter der dunklen Geschichte des Ortes steckt. Der Spieler erlebt aus erster Hand, wie Menschen in dem schrecklichen Haus starben. Jeder Tod hat seine eigene Visage.

Gameplay

Das Spiel lehnt sich von der Mechanik sehr stark an die Wurzeln vom damaligen P.T. an. Gameplay in a nutshell: Ein Spieler läuft durch ein sich immer wieder veränderndes Haus und bleibt dabei stets unbewaffnet und schutzlos dem Horror ausgeliefert. Eine Anzeige in der unteren linken Ecke des Bildschirm zeigt uns zusätzlich unseren mentalen Zustand an. Dabei sollten wir es tunlichst vermeiden zu lange im Dunkeln zu stehen, denn die Gefahr besteht, dass wir durchdrehen und schreckliche Dinge wahrnehmen.

Ich werde in diesem Abschnitt versuchen meine emotionale Begeisterung zu zügeln und keine Spoiler zu verraten. Sollte mir das passieren, wird der Text hinter einer Spoiler-Wand versteckt. Bitte klickt hier nur darauf, falls ihr das Spiel selbst nicht spielen und den kompletten Test lesen wollt. Ich bin ein sehr großer Horrorspiele Fan seit der ersten Stunde und habe mit “Alone in the Dark” damals Ende der 90er meine erste Berührung in diesem Genre gehabt.

Die Entwickler haben bei der Kickstarter Kampagne versprochen, dass sie den Jumpscare-Anteil auf ein Minimum reduzieren möchten, denn der Fokus soll ganz klar Richtung Psycho-Horror abzielen. Doch was ist der Unterschied zwischen Jumpscare und Psychohorror? Ein kleiner Exkurs: Von einem Jumpscare spricht man, wenn ein plötzlicher Schreckensmoment in sehr kurzer Zeit verursacht wird (Man geht um die Ecke und jemand springt einem ins Gesicht). Der Psychohorror hingegen stellt genau das Gegenteil dar. Es versucht durch sehr viel Atmosphäre einen unangenehmen Horror über einen langen Zeitraum zu erzeugen und dem Spieler ein Gefühl der Unsicherheit zu vermitteln (Man läuft in einem alten Haus und hört ein Stockwerk darüber, wie der Holzboden knarrt oder ähnliches).

Lange, düstere Gänge. Hier muss man mental sehr stark bleiben!

Es gibt aktuell nicht viele Spiele auf dem Markt, die diesen Horror wahrscheinlich so eindrucksvoll und gut transportieren, wie das Visage tut.

Wir starten völlig unbefangen in einem Haus der 80er Jahre, allein wie es scheint und bekommen einen merkwürdigen Anruf unserer Nachbarin, warum wir das Haus seit Wochen nicht verlassen haben und ob alles in Ordnung sei. Nach den ersten Schritten merken wir, dass eigentlich alles soweit mit rechten Dingen zu laufen scheint, hier und da liegen die Sachen unaufgeräumt in den Ecken, die Küche könnte man auch einmal durchwischen, aber nichts, was auf ein mögliches Drama oder Blutbad hinweist. Dann können wir uns doch entspannen, nicht wahr? Entspannung wäre eines der Wörter, die ich im Zusammenhang mit der Erkundung des Hauses als letztes Wort in meinem Vokabular benutzen würde.

Könntet ihr hier an Entspannung denken?

Ich habe keine Ahnung, wie (sehr wenige) Entwickler das hinbekommen, dass eine so seltsame und bedrückende Atmosphäre erschaffen wird, allein durch Anwesenheit und Anordnung bestimmter Objekte und Zimmer.

Das Spiel wird über Maus und Tastatur gesteuert (Gamepad kann ich mir absolut nicht vorstellen) und wir suchen das Haus nach Anomalitäten ab. Ohne zu Spoilern: Das Spiel teilt sich in mehrere Kapitel auf, ich sage nicht, wie viele. Durch die Kapitel verändert sich das Verhalten und Aussehen des Hauses, aber der grundsätzliche Psycho-Horror ist in allen Kapitel allgegenwärtig.

Was passiert hier eigentlich gerade!?

Bei den Rätseln im Haus muss man sehr sehr aufmerksam bleiben und die Hinweise richtig interpretieren, sonst passiert es zu schnell, dass man die Orientierung verliert und lange nach der richtigen Lösung suchen muss. Auch das Inventarmanagement würde ich jetzt nicht als Vorzeigeobjekt vorhalten – es wirkt doch sehr fummelig und wenig durchdacht. Bei all den Lobeshymnen ist sind das meine Hauptkritikpunkte in dem Spiel. Einige Reviews schreiben, dass es relativ oft vorkommt, dass man bei der Suche nach der Lösung irgendwann in einem Walkthrough nachlesen muss, um voranzukommen und das traf bei mir leider auch in 4-5 Situationen zu. Entweder habe ich die Objekte nicht gefunden oder konnte die Hinweise gar nicht zuordnen, um auf die richtige Lösung zu kommen. Das ist erstmal nicht schlimm, rüttelt aber natürlich in diesen Momenten sehr stark an der Immersion des Spiels.

Außerdem hat mir persönlich ein Kapitel überhaupt nicht zugesagt und ich war über die gesamte Zeit in diesem Kapitel eher genervt und hoffte, dass es schnell vorbeigeht. Stichwort: Praktisch unaufhörliche Dunkelheit und Trial & Error. Nun genug gemeckert, denn das sind tatsächlich die beiden Negativpunkte in einem sonst so glänzenden Horror-Spiel und hier macht Visage fast alles richtig!

Stille. Stille kann manchmal ein sehr böses Instrument sein, vor allem wenn man in einem verlassenen Haus läuft und ständig Geräusche hört, die eigentlich nicht zu hören sein sollten. Gepaart mit der außerordentlich guten musikalischen Untermalung und der Soundqualität sind die Zutaten für ein perfektes Horror Erlebnis geschaffen.

Um eines vorweg zu nehmen und dabei nicht zu viel zu verraten. Ihr werdet euch nicht nur in diesem Haus aufhalten. Ein Kapitel spielt zum Beispiel in einem großen verlassenen Krankenhaus, was für mich persönlich die absolute Speerspitze des Horrors darstellt.

Ich möchte diesen Gang nicht gehen – nein!

Es gibt zwei Orte, die sich in meiner Horrorfantasie (warum auch immer) sehr stark eingebrannt haben: Zum einen ein großer dunkler Keller und zum anderen ein altes verlassenes Krankenhaus / Irrenhaus. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass praktisch in allen guten Horrorfilmen die schlimmen Dinge entweder im Keller oder in einem Krankenhaus / Irrenhaus passieren – wer weiß 🙂

Ein verlassenes Krankenhaus – DER Horror.

Die Entwickler haben vorab definitiv nicht zu viel versprochen, als sie von Psycho-Horror geschrieben haben, denn in den gesamten 13 Stunden Spielzeit habe ich dieses Gefühl ständig im Nacken gehabt. Oft kam es vor, dass ich nach 2-3 Stunden aufhören musste, weil ich innerlich so durchgewühlt war.

Fazit

Visage ist eine echte Perle und man kann nur stehende Ovationen an das kleine Entwicklerteam verteilen. Erstens, dass sie den Mut hatten ein ursprüngliches Projekt so vehement weiterzuverfolgen und dann anschließend ein extrem starkes Produkt abzuliefern.

Das Horror-Genre hat leider nur sehr wenige Vorzeigetitel auf dem PC und wird meist neben dem Mainstream nur stiefmütterlich behandelt. Bei den Horror-Spielen muss man stark unterscheiden, denn es gibt Spiele, die das Genre sehr ernst nehmen und andere, die es lediglich an der Oberfläche ankratzen. Visage reiht sich für mich an eine Titelreihe, die ich an einer Hand abzählen kann:

  • Amnesia: The Dark Descent
  • Outlast 1/2
  • Alien: Isolation

Es gibt noch sehr viel mehr Horrorspiele, das ist mir bewusst, aber der klassische Horror wird für mich in den oben genannten Titeln dargestellt.

Gänsehaut! Was erwartet uns am Ende des Ganges?

Neben der guten Atmosphäre und dem Sounddesign sticht Visage durch seinen Minimalismus hervor. SadSquare zeigt hier, dass man mit wenig subtilen Mitteln einen fantastischen Horror erzeugen kann. Die Kehrseite der Medaille sind die teils umständlichen Rätsel und das fummelige Inventarsystem, welches den Spielspaß etwas trübt. Das gibt natürlich Abzüge in der B-Note!

Motivationskurve

Kurzes Vorwort zur Kurve: Das Spiel ist in mehrere Kapitel unterteilt und man muss sie nicht in einer festgelegten Reihenfolge spielen. Meine Kurve stellt den Verlauf dar, wie ich die Kapitel durchgespielt habe. So sieht man z.B., dass die Motivation im letzten Drittel sehr stark abfällt, da hier ein Kapitel für mich nicht gut abgeschnitten hat.

Meine Kurve beginnt mit einer hohen 80er Wertung und bleibt relativ lange konstant auf diesem Level, da die Atmosphäre richtig zupackt und motiviert. Die meisten Dämpfer in Visage werden durch die teils sehr aus der Luft gegriffenen Rätsel ausgelöst. Das Inventarsystem und die Steuerung darin wirken etwas unkoordiniert und nicht durchdacht. Der Knick Richtung der 70er Wertung wird jedoch meiner Meinung nach hauptsächlich durch den Rätselaufbau verursacht. Hier wäre auf jeden Fall mehr Potential vorhanden, das die Entwickler in diesem Versuch leider verschenkt haben. Hoffen wir einfach, dass die Entwickler viel lessons learned betreiben und uns bald ein neues Horrorgame als Nachfolger präsentieren!

Bewertung - 77%

77%

Visage setzt ein richtiges Statement im Horror-Genre und lehrt dem Spieler das Fürchten. Es verzichtet zu großen Teilen auf Jumpscares und setzt auf einen eindrucksvollen Psycho-Horror. Die teils fragwürdigen Rätsel zeigen jedoch, dass die Idee nicht bis zum Ende durchdacht wurde. Trotz allem ein Muss für Fans des Horror-Genre!

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Von simplify

Geboren und aufgewachsen in Ludwigsburg. Diplom im Fahrzeug- und Motorentechnik. Leidenschaftlicher Multimedia-Liebhaber. Gaming, Filme, Serien, Sport, Modellhubschrauber, Musik zählen zu meinen Top-Hobbies! Verrückt und ausgefallen bin ich auch noch :)

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