Ghost in the Shell – Kritik


Ich stehe spät Abends vor der Kasse eines Supermarkts in Stuttgart in der Schlange und bemerke einen Mitt-40er, leicht adipösen Mann. Gelangweilt und mit einer dahinsiechenden Stimme sagt er „Neunvierzig, war alles ok?“ Ein grün leuchtender Stöpsel an seinem Ohr fällt mir dabei auf. Moment Mal, ist es ein Stöpsel oder ist es das Ohr selbst, das leuchtet? Ist er ein Roboter, der auf das Kassieren und gelangweilt sein programmiert worden ist und nur als Leibeigener sein Dasein ablebt? Ist er innerlich vielleicht tot? Wehrt sich sein Ghost gegen die präkeren Arbeitsverhältnisse und die Germanistik-Studenten, die ihm kurz vor 22 Uhr das Kassenband vollkotzen?

Solche Gedankengänge erreicht zumindest ein Film wie „Ghost in the Shell“, wenn man kurz nach 22 Uhr den Kinosaal mit eher gemischten Gefühlen verlässt. Ein guter Kumpel, mit dem ich gerne online über Filme philosophiere hat es in meinen Augen ganz trefflich formuliert: „Geile Effekte, Handlung eher scheiße“.

Den zweiten Teil möchte ich aber dennoch etwas genauer ausführen und begrüße Euch zu der Kritik von „Ghost in the Shell“. Einem robotischen Körper wird ein menschliches Gehirn eingepflanzt, bodenständig gespielt von Scarlett Johannson. Gemeinsam sollen Ghost und Shell, also Geist und Hülle, als Kampfeinheit im Auftrag des japanischen Verteidigungsministeriums einen Cyberterroristen auf die Schliche kommen. Dem Gehirn kommen Zweifel, ob das alles seine Richtigkeit hat und was das Ganze überhaupt soll. Steht es wirklich auf der richtigen Seite? Denn schließlich wird der humane Roboter stupide herumkommandiert, keine Gespräche nach Feierabend oder Unternehmungen, keine Liebe, Nichts – die allumfassende Beschissenheit des Lebens und das Leben an sich. Zumindest hier unterscheidet sich Johannson wahrscheinlich nur marginal vom Kassierer in Stuttgart.

Klingt so, als hätte ein HiWi in der Psychologie-AG die Hausaufgabe bekommen, Hegels „Philosophie des Geistes“ in einen Sci-Fi-Thriller zu packen und zu verfilmen – genau so wirkt der Hollywood-Brei leider auch am Ende und wird dem überdurchschnittlich guten Anime aus dem Jahre 1995 nur teils gerecht. Zu Gute halten muss man „Ghost in the Shell“, dass er wenigstens die bildlichen Vorlagen aus dem Anime sehr konsequent und passend übernommen hat.

Ein magerer Plot, aus dem mit etwas mehr Vertrauen in die Intellektualität des Zuschauers, zumindest ein bisschen, auch eine fordernde Parabel über den Ehrgeiz des Menschen, mit Hilfe technologischen Fortschritts sich von seinem hinfälligen Körper abzusetzen – am besten unsterblich zu werden. Da wir leider wissen, dass das so ist, wurde der Film selbstverständlich in 3D gedreht, nur der Überwältigung und Verohnmächtigung des Besuchers dienend, die kritiklose Starre zu dulden. Ich hatte während der Vorstellung das Gefühl von einem Menschen verprügelt worden zu sein, der wesentlich dümmer und schwächer ist als ich und dabei hatte ich auch noch eine lustige Brille auf, was in der Summe noch erbärmlicher wirkt.

Zum unsäglichen 3D-Effekt, der sich, wie fast immer, nach etwa 5 Minuten bereits abgenutzt hat, kommt eine Scarlett Johannson in die Thematik, deren Lieblingsbeschäftigung das lieblose Vorbeiglotzen an der Kamera ist – streng genommen wäre sie auch problemlos als Pappaufsteller bei der Berliner Erotikmesse durchgegangen, zumindest das ist positiv oder negativ anzumerken. Neben Johannson nimmt Juliette Binoche eine weitere tragische Rolle in „Ghost in the Shell“ ein, die der weinenden Mutter. Die Kybernetikerin plagen Gewissensbisse und das lässt sie den Kinobesucher ordentlich spüren, der ihren Tränen von der Leinwand sehr oft ausweichen muss, genauso wie den massiv eingesetzten Bumm-Bumm und Krach-Rums Effekten der Hollywood-Macher. Jetzt weint sie halt in 3D und wenn du dich ausgeweint hast liebe Juliette, dann komm doch bitte wieder in einem nicht so kommerziellen Film wieder mit deinem eigentlichen Schauspieler-Skill zurück. Die Besucher würden es dir danken!

Was bleibt also am Ende von „Ghost in the Shell“ übrig? Achja, wir hatten ja noch das Anime von 1995 angesprochen und damit kommt die eigentliche Gewalt, die von der Neuverfilmung 2017 ausgeübt wurde. Ein sehr gutes Anime als Dokumentation einer drohenden Zukunft, in der die Menschen sich neu erfinden möchten, aber sich doch nur selbst verlieren, wenn das mit dem Herumpfuschen in der Evolution weiter zunimmt und sich Menschen irgendwelche Mikrochips unter die Haut implantieren lassen.

Mir fiel nach dem Film ein Begriff ein, an dem ich mich jetzt gerne wieder zurück erinnere: Cyberpunk-Porn.

Das kann man so oder vielleicht in einer anderen Form auch günstiger und ohne Popcorn-Geschnatter im Hintergrund haben – zum Beispiel in einem großen Supermarkt in Stuttgart an der Kasse.

 

Bildnachweis: http://anoncraft.com

Bewertung

Bewertung

Ghost in the Shell bleibt weit hinter den Erwartungen zurück, da er sich nicht traut den Zuschauer mit tiefergehenden philosophischen und ethischen Fragen zu konfrontieren. Zwei Millionen vom Budget hätten gereicht, um einen besser ausgebildeten Drehbuchautor zu engagieren und Mut zu beweisen, statt das Geld in 3D und CGI-Bomben zu verbrennen. Hirn aus, Popcorn an - zu mehr hat es leider nicht gereicht.

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